Fressen oder nicht Fressen – ist das eine Frage?!

Ich liebe meinen Hund. Ehrlich. Ich liebe meinen Hund sehr.

Aber wenn er mich treuherzig angrinst, mit seinen tollen Zähnen, die in diesem Moment von einem bräunlichen Schleier überzogen sind und aus dem Maul stinkt, wie andere aus dem… ähm…, dann liebe ich ihn hier und jetzt und für die nächsten 5-10 Minuten – es tut mir leid – ein kleines bisschen weniger!

Und mich selbst liebe ich in diesem Moment auch ein ganzes Stück weniger, weil ich mich dafür verfluche, dass ich wieder nicht aufgepasst habe.
Weil ich genau hätte sehen müssen, wie der – ansonsten – geliebte felltragende Freund seinen unfehlbaren Radar anschmeißt und ihm der verlockende Duft von IRGENDWAS EKLIGEM in die Nase steigt.
Weil sich mein müdes Hirn wieder nicht daran erinnert hat, dass wir an der Stelle schon vor einigen Tagen die duftigen Hinterlassenschaften eines Joggers in Nöten gefunden – ähm – gefressen haben. War wohl noch was übrig…

 

Achtung Allesfresser!

Du hast es längst erraten, was hier los ist, oder?
Jaaa, genau. Ich bin stolze (oder eher leidgeprüfte) Halterin eines „Draußenstaubsaugers“!

 

Mein Nick, auch „das Tierchen“ genannt, macht seiner Rassebeschreibung alle Ehre und hat als waschechter Labrador schon in seinen ersten Lebenswochen eine Vorliebe für „besondere Dinge“ entwickelt. In seinem Fall waren seine erste Leidenschaft Glasscherben.
Er ging gezielt auf die Suche und lutschte genussvoll darauf herum. Gott sei Dank hatte er kein Interesse daran sie zu schlucken und Gott sei Dank war ich damals schon so schlau, kein Gezeter und Geschrei anzuzetteln und ihn mit einem laut gebrüllten „Nein“ zu erschrecken oder vehement Anspruch auf die wertvolle Ressource zu erheben.
Das hätte ihn nämlich evtl. dazu bringen können, das begehrte Gut vor Schreck oder zum „Sichern“ herunterzuschlucken.

Wir übten stattdessen intensiv und leidenschaftlich das Signal „Aus“, welches ihn dazu veranlassen sollte, das Maul zu öffnen und auszuspucken, was sich darin befand.
Nick fand das Spiel super und spukte voller Stolz und Begeisterung jede Glasscherbe vor meine Füße, die er zuvor gefunden hatte.

 

Die Suche nach „Fressbarem“ als Lieblingsbeschäftigung

Das Ganze hatte den Haken, dass ich eigentlich wollte, dass er die Dinge gar nicht erst ins Maul nimmt. Und zudem ließ sein Interesse für Glasscherben allmählich nach und wurde ersetzt durch das Interesse an – in weitestem Sinne – fressbaren Schätzen, die seinen Weg kreuzten.
Nachdem er hier einige Male zum Erfolg gekommen war, weil ich einfach überrumpelt war und nicht damit rechnete – wie auch, schließlich hat mein anderer Rüde Cody – seines Zeichens ebenfalls ein Labrador mit gutem Appetit – niemals solche Sperenzien gemacht! – entwickelte Nick die Suche nach verbotenem „Futter“ zum neuen Volkssport.

Es wurde immer schlimmer, denn jeder Erfolg gab ihm Recht und das „Angebot“ war schier unermesslich. Es war so vielfältig, dass er sogar begann Vorlieben zu entwickeln. Ganz oben auf der Liste: vergammelte alte Bananenschalen und von Menschen „vorverdautes Essen“, welches auf dem einen oder dem anderen Weg wieder herausgekommen war.

Nachdem unser beliebteste Beschäftigung, das Mantrailing, ebenfalls begann schwer unter dem neuen Hobby von Nick zu leiden – denn er ging zunehmend nicht mehr auf die Suche nach dem versteckten Menschen, sondern fand die Strecke dorthin mit all den interessanten „Angeboten“ viel interessanter – begann wiederum ich mich mit der gleichen Leidenschaft um dieses Thema zu kümmern.
Allerdings mit einem anderen Ziel: nämlich, dass nicht jeder Spaziergang oder sonstiger Aufenthalt eine Aufforderung für meinen Hund darstellt, sich nach einer kleinen Zwischenmahlzeit umzusehen.

 

Mein Ziel: entspannte Spaziergänge und Trainings

Wie bereits im Zusammenhang mit den Glasscherben erwähnt, ging es mir vor allem darum, dass ich nicht immer nur „re-agieren“ kann und das auch noch mit irgendeiner Form von Strafe.
Denn das kann dazu führen, dass die „Ressource“ für meinen Hund nur noch interessanter und „wertvoller“ wird. Und im schlimmsten Falle will er sie sich nun erst recht sichern und schluckt sie runter! Damit hätte ich genau das Gegenteil erreicht.

Und außerdem gibt es ja noch einen Haken: die Nummer mit dem „Nein“ funktioniert nur dann, wenn ich selbst das Zeug auf dem Boden oder im Gebüsch zuerst bemerkt habe und nah genug an meinem Hund dran bin, um sicherzustellen, dass ich das „Nein“ im Zweifelsfall auch durchsetzen und verhindern kann, dass er sich doch noch schnell ein Häppchen schnappt. So wollte ich es nicht.

Was genau möchte ich denn?
Ich möchte, dass mein Hund, die Dinge, die er findet, schlicht liegen lässt. Punkt.

Ok. Das möchte ich. Was möchte mein Hund?
Alles fressen, was er als freßbar erachtet.

Zwei ziemlich konträre Standpunkte, die wir irgendwie auf einen Nenner bringen müssen.

Also begab ich mich auf die Suche nach einem Trainingsansatz, der genau das erfüllt, was ich erreichen möchte:

  • mein Hund soll auf ein Signal hin zuverlässig liegen lassen, was er gefunden hat und sich mir zuwenden
  • mein Hund soll etwas, was er findet,mir zeigen, dass dort etwas liegt, sodass ich darüber entscheiden kann, ob er es evtl. sogar haben darf oder nicht.
    Das gibt mir die Sicherheit, dass mein Hund nicht heimlich etwas vertilgt, was nicht gut für ihn ist.

 

Wie wir fündig wurden und was wir gemacht haben, erzähle ich Dir im zweiten Teil; Fressen oder nicht Fressen – jetzt keine Frage mehr!